GERALD NESTLER

 

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 — CEOs   a video portrait series by Gerald Nestler / Toni Kleinlercher

Teilnehmer (bis 2006)
Hannes Androsch, AT & S Holding, Austria
Steen Bjerre, Dyrup AS, Denmark
Ulrich H. Bode, vorm. Glaxo Wellcome, Austria
Peter Kotauczek, BEKO AG, Austria
Peter Lassen, Montana, Denmark
Anne Birgitte Lundholt, Danske Slagterier, Denmark
Martina Pecher, Inzersdorfer, Austria
Ejvind Sendal, Denmark
Jochen Werz, vorm. Lenzing AG, Austria
Norbert Zimmermann, Berndorf AG, Austria

 

CEOs stellt führende Vertreter aus Wirtschaft und Industrie in performativer Weise in den Mittelpunkt einer Videoporträtreihe. Im heutigen globalen Leitparadigma, der Ökonomie, sind, im Gegensatz zur Arena der Politik, die handelnden und entscheidenden Individuen, bis auf wenige 'Stars', kaum bis gar nicht bekannt – trotz ihres enormen Einflusses auf soziale, politische Entwicklungen.
CEOs rückt entscheidende Personen, die hinter prominenten Firmen, Labels, Logos, Trademarks,… stehen und damit auch gesellschaftlich weitreichende Entscheidungen treffen ins Zentrum der Aufmerksamkeit und macht sie sichtbar.

Die Videos sind so konzipiert, dass die Unternehmensvorstände in einem für alle Teilnehmer gleichen, festgelegten Rahmen agieren. Die Frage nach einer zeitgemäßen Form von Porträt wird von uns im Sinne von 'Selbstinszenierung der Porträtierten' innerhalb eines spezifischen Settings aufgeworfen: wir schaffen einen visuell-akustischen, filmischen Rahmen, in dem die Person agiert und das 'Werk' selbst schafft – sie zeichnet damit ihr eigenes Porträt.
Der performative Auftritt und seine Zeitdauer (20 bis 40 Minuten pro Person) hebeln die üblichen Formen der Selbstinszenierung aus. Die Porträts zeigen reale Personen, Menschen mit ihren Wesens- und Charaktereigenschaften, abseits professioneller Kameratauglichkeit oder einstudierter Präsenzformen. Die Anschauungen und Strategien der Teilnehmer kommen performativ und unzensiert zum Ausdruck.

Time based media – Video – und Selbstrepräsentation sind für uns Merkmale einer heutigen Form von Porträtkunst. Die Statik des Bildes, die repräsentative Gestik und Ikonographie mit ihren 'Insignien' (als Beispiel kann Hans Holbeins Die Gesandten genannt werden) gehören einer früherer Zeit an. Der Porträtierte selbst schafft in CEOs sein Porträt während der Aufzeichnung (eine Apparatur und ein Setting 'ersetzen' dabei den Künstler), selbst-repräsentiert sich somit in seiner Komplexität, die über das gewollt Vermittelte hinausgeht durch Zeichen, Gesten, Worte, Laute – die 'Insignien' dieser Porträtreihe. Die Künstler selbst ziehen sich in ihrer Aktivität auf die Schaffung eines 'Rahmens' zurück, durch den sich und in dem sich das Porträt ereignet. Die künstlerische Freiheit der Interpretation wird an die Porträtierten abgegeben und spielt sich sowohl auf bewusster als auch unbewusster Ebene in die Aufzeichnung ein.
Eine Formulierung Gerhard Roths1 adaptierend, bilden die Porträts nicht ab, sie sind konstruktiv, und zwar von ihrer funktionalen Organisation als auch von ihrer Aufgabe her, Verhalten zu erzeugen, mit dem die Porträtierten die ‚Umwelt‘ des Settings einerseits als auch die Umwelt ihrer selbst schaffen.

Leslie Sklair2 spricht von einer "transnationalen kapitalistischen Klasse", die sich entwickelt und die einen enormen Einfluss auf die Gesellschaft ausübt. Weitreichende Entscheidungen und Entwicklungen, die nicht nur die globale Ökonomie, sondern auch gesellschaftliches, ja individuelles Leben beeinflussen, werden heute von führenden Vertretern der ( zum Teil weltweit agierenden) Konzerne und Großfirmen getroffen und durchgeführt – mit oder ohne die Beihilfe der Politik. Dennoch sind wir auch heute noch weit vertrauter mit Personen aus dem Politikbereich als mit den Personen hinter Unternehmen, Interessensgruppen und Großkonzernen.

Das Videoprojekt CEOs definiert seinen Focus, indem es sich in diesen Bereich einschleust, ohne sich Marketing-, PR- oder Presseanforderungen zu unterstellen, und seine Aufmerksamkeit auf Individuen richtet, die Sklair möglicherweise als Teil dieser neuen transnationalen Klasse bezeichnen würde.

Fernand Braudel3 schreibt in Die Dynamik des Kapitalismus: "Jede 'dichte' Gesellschaft lässt sich in mehrere 'Einheiten' unterteilen: in den Bereich des Ökonomischen, des Politischen, des Kulturellen und des Hierarchisch-Gesellschaftlichen. Das Ökonomische ist nur im Zusammenhang mit den anderen 'Einheiten' zu begreifen, in denen es sich verteilt und denen es zugleich seine Tore öffnet".
Unser Porträtansatz lässt sich mit Braudels Vorstellung über die Rolle der Ökonomie in der Gesellschaft beschreiben, zeigt dies jedoch an Individuen und ihren Fähigkeiten und Kompetenzen.

CEOs verfolgt außerdem eine kunstbezogene Hypothese: Viele Vorstände scheinen mehr und mehr in der Lage, 'künstlerische' Verfahren, die in Relation zu Schauspiel, Rede, Komposition, Nuancierung, Rhythmus, Form, usw. stehen, in ihrem Sinne anzuwenden. Diese Hypothese wird einem Test unterzogen.
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(1)„Gehirne - so lautet meine These - können die Welt grundsätzlich nicht abbilden; sie müssen konstruktiv sein, und zwar sowohl von ihrer funktionalen Organisation als auch von ihrer Aufgabe her, nämlich ein Verhalten zu erzeugen, mit dem der Organismus in seiner Umwelt überleben kann.“, in: Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit, Kognitive Neurobiologie und ihre philosphischen Konsequenzen, Frankfurt am Main, 1996, S. 23
(2) Leslie Sklair, The Transnational Class, Blackwell Publishers 2001
(3) Fernand Braudel, Die Dynamik des Kapitalismus, Klett-Cotta 1997



ABLAUF

Die Porträtierten treten in performativer Weise im Rahmen unseres Videosettings auf.
Zwei Kameras nehmen sowohl das Gesicht als Close-Up, als auch die ganze Gestalt in der Totale auf. Gestische Elemente sind sprachlichen und anderen Aktionen gleichgestellt.
Es wird keine künstliche Beleuchtung eingesetzt.

Das natürliche Licht mit seinen Schwankungen konterkariert die Stellung der Person. Geräusche von außen tauchen auf. Die Künstlichkeit der Realität tritt ins Bild.

Die Akteure sprechen in ihrer Muttersprache.

Die Kleidung ist leger.

Das Videosetting ist in drei Themenkomplexe unterteilt. Die Manager-Akteure 'performen' jeden Teil durch, es gibt keine Fragen, Schnitte, die den Sprach- und Handlungsfluss unterbrechen.

Im 1. Teil sprechen die Porträtierten über ihr eigenes Leben, ihre Sozialisierung. Dabei soll die Zeit ihres Heranwachsens, ihre Kindheit und Jugend thematisiert werden, weniger berufliche, Karriere bezogene Details. Uns interessiert, wie sie sich selbst sehen.

Der 2. Teil beginnt mit einer künstlerischen Darbietung des/der Porträtierten (einer Performance nach freier Wahl). Anschließend sprechen die Teilnehmer über ein oder mehrere Kunstwerke (aus Literatur, bildender Kunst, Theater, Musik, etc.), die bleibende Eindrücke in ihrem Leben hinterließen.

Im 3. Teil antworten die Porträtierten auf Fragen, die wirtschaftliche, politische und ästhetische Themenkomplexe betreffen. Sie erhalten 13 Kärtchen in der Größe von Spielkarten. Sie wählen vor den Kameras sieben Fragen aus, die sie beantworten möchten. Die restlichen sechs Fragen legen sie ab. Die Fragen werden eingeblendet, während die Teilnehmer antworten.